Arndt und die Orthodoxie | | Игумен Пётр Мещеринов

Arndt und die Orthodoxie

anna briskina-müllerНемецкий текст доклада Иоганн Арндт и Православие

Перевод д-ра богословия Анны Брискиной-Мюллер

I

In diesem Raum besteht kein Bedarf, von der Bedeutung des Anhaltiners Johann Arndt für die evangelische Tradition zu sprechen. Ein Zitat aus Philipp Jakob Spener soll genügen:

„Lutherum setze ich billig vorne an, aber Arndt streicht ihm nahe, und weiß ich nicht, ob er nicht noch in seinen Schriften zu einem nicht geringeren Werk als Lutherus mag von Gott bestimmt sein“[1].

Obwohl die Theologie Arndts im lutherischen orthodoxen Milieu auf Abneigung stieß und Auseinandersetzungen hervorrief, war der Einfluss seines Buches „Vom wahren Christentum“ auf das geistliche Leben Europas – unter anderem außerhalb der protestantischen Welt – sehr groß. Arndt beeinflusste auch die Russische Kirche. An dieser Stelle sei der heilige Tichon von Zadonsk[2] als das hervorstechendste Beispiel genannt («Zadonsk» ist eine kleine russische Stadt, deren Name „hinter dem Fluss Don“ bedeutet).

Tichon (Sokolov) (geboren 1724 – gestorben 1783) gehört zu den beliebtesten russischen Heiligen. Geboren in der Familie eines armen Kirchenchorsängers studierte er im Priesterseminar von Novgorod. 1759 wurde er Rektor des Priesterseminars von Tver‘, 1761 erfolgte die Bischofsweihe, 1763 wurde er zum Bischof von Voronesch. Da er eine Neigung zum kontemplativen Leben verspürte, legte er den bischöflichen Dienst nach vier Jahren ab und verbrachte den Rest seiner Tage im Zadonsker Kloster. Auf die Ausformung des geistigen Antlitzes des heiligen Tichon übte Johann Arndt einen starken Einfluss aus. Wie hoch Tichon Johann Arndt schätzte, lässt sich einem seiner Briefe entnehmen, in dem er seinem Korrespondenten empfiehlt, „nach der Bibel Arndt zu lesen und in die sonstigen Bücher, wie bei kurzen Visiten, nur vorbeizuschauen“[3]. Arndt nachahmend schrieb Tichon sein Buch „Vom wahren Christentum“. Dieses Werk, wie auch sonstige Werke des heiligen Tichon, übte seinerseits einen großen Einfluss auf die nachfolgende Entwicklung des russischen Geisteslebens aus. Es genügt zu sagen, dass der große russische Theologe und Schriftsteller, der heilige Theophan der Klausner (Feofan Zatvornik) – auf den ich noch zu sprechen kommen werde – schätzte Tichon von Zadonsk über alle geistlichen Autoren[4].

Der Einfluss Arndts auf das russische Geistesleben beschränkt sich keinesfalls auf den heiligen Tichon. Im Buch von Stefan Reichelt «Johann Arndts „Vier Bücher von wahrem Christentum“ in Russland»[5] – das Buch entstand an der Halleschen Fakultät unter der Betreuung von Professor Hermann Goltz – werden unter den russischen Heiligen, die Arndt verehrten, folgende Namen erwähnt: Mitropolit Arsenij (Macevič) (1697–1772) sowie der Missionar von Altaj, Archimandrit Makarij (Glucharev) (1792–1847), dessen Anschauungen im Laufe der Lektüre der Bücher Arndts sich ausformten[6].

Der Eintritt Johann Arndts in den Raum des russischen Geisteslebens aber verlief auch auf anderen Wegen. Für die russischen Freimaurer – die unter den russischen Bedingungen der zweiten Hälfte des 18. / zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem der Aufklärung dienten – gehörte Arndtsches „Vom wahren Christentum“ zu den Programmwerken.[7] Das Buch wurde mehrfach verlegt, was dazu führte, dass für die gebildeten Schichten der russischen Gesellschaft gerade Arndt zu einer der Hauptquellen wurde, aus der Viele ihre Kenntnisse vom geistlichen christlichen Leben schöpften[8]. Selbst nach dem Verbot der Freimauerei hörte die Neuauflegung der Übersetzungen „Vom wahren Christentum“ nicht auf. Ja mehr: Dieses Buch diente in der Moskauer Geistlichen Akademie als Auszeichnung für die Studenten[9]. „Vom wahren Christentum“ schlug derart starke Wurzeln im russischen Kirchenleben, dass im Vorwort zu seiner letzten vorrevolutionären Auflage (die bis heute leider auch die letzte bleibt) behauptet wurde: (ich zitiere) „Es erübrigt sich zu sagen, dass das vorliegende Werk in all seinen Teilen und in jeder Zeile streng orthodox ist“[10].

Es lässt sich also mit gutem Recht sagen, dass Arndt die russische Orthodoxie des 18.-19. Jahrhunderts dermaßen beeinflusste, dass die Russische Kirche in ihm etwas zutiefst Vertrautes, ja Orthodoxes erblickte. Wie konnte dies jedoch von statten gehen? Die Frage stellt sich, weil die Orthodoxe Kirche – metaphorisch gesprochen – über eine starke „Immunität“ verfügt: Die Orthodoxie wirft entschieden alles hinaus, was die Grenzen ihrer Tradition überschreitet, die auf dem altkirchlichen Fundament der Glaubens- und Sittenlehre ruht. Offensichtlich gab es in der geistlichen Erfahrung des Lutheraners Arndt etwas, was dem orthodoxen Geistesleben sehr nahe stand. Was war es doch?

II

2007 erschien ein Sammelband mit den Beiträgen der Tagung, die zwei Jahre zuvor anlässlich des 450. Geburtstags von Johann Arndt stattfand. Der Sammelband ist betitelt: «Frömmigkeit oder Theologie. Johann Arndt und die ‚Vier Bücher vom wahren Christentum’»[11]. Die Überschrift zeugt davon, dass hier von einer gewissen Gegenüberstellung zwischen der Theologie und Frömmigkeit ausgegangen wird. Diese Gegenüberstellung ist in den akademischen theologischen – sowohl evangelischen als auch orthodoxen – Kreisen geläufig. Arndt machte jedoch keinen Unterschied zwischen diesen zwei Phänomenen. Er schrieb:

„Viele meinen, die Theologia sei nur eine bloße Wissenschaft und Wort-Kunst, da sie doch eine lebendige Erfahrung und Übung ist“[12]. „…Die Lehre Christi ins Leben verwandeln, oder wie Christus in uns leben und Adam in uns sterben soll, sonderlich wie der Mensch mit Gott solle vereiniget werden, … ist des Menschen Vollkommenheit und finis totius theologiae (der Endzweck der ganzen Theologie)“[13].

Arndt nahm die Theologie vorwiegend auf eine praktische, pastorale Art wahr. Die theoretische Theologie bekam auch ihren Platz (darüber etwas später). Aber viel entscheidender und wichtiger als „eine bloße Wissenschaft“ war für Anrdt die „Nachfolge Christi”, die lebendige mystische Erfahrung. Und es stellte sich heraus, dass diese Erfahrung mit der Erfahrung der russischen Heiligen in Vielem übereinstimmte oder war sogar mit dieser identisch.

Weiter, um diese Erfahrungen zu vergleichen, werde ich mich auf den heiligen Theophan den Klausner berufen, den ich schon erwähnt habe. Er wurde 1815 geboren, absolvierte die Kiever Geistliche Akademie, war Vorsteher der Botschaftskirche in Konstantinopel, beteiligte sich einige Jahre lang an der russischen Mission im Heiligen Land und hatte die Gelegenheit, sich über das christliche Leben Europas ein Bild zu machen. 1857 wurde er zum Rektor der Sankt-Petersburger Geistlichen Akademie ernannt. 1859 wurde er zum Bischof von Tambow geweiht. 1866 legte er, ähnlich Tichon von Zadonsk, den bischöflichen Dienst nieder und ging in die Klausur im Kloster des Örtchens Wyscha. Es gibt keine Information darüber, ob der heilige Theophan mit Arndt einen unmittelbaren Kontakt hatte. Das Buch „Vom wahren Christentum“ kannte er höchstwahrscheinlich, weil das Buch außerordentlich verbreitet war. Unter einem indirekten Einfluss Anrdts stand Theophan jedoch durch die eifrige Lektüre der Werke von Tichon von Zadonsk sowie durch seinen gesamten Bildungsweg. Das protestantische Bildungssystem, das seit Beginn des 18. Jahrhunderts in der Kiever Geistlichen Akademie herrschte, sowie die traditionelle Offenheit dieser Akademie gegenüber dem Westen, leuchtet in den Werken Theophans stark durch. Und es war gerade die ihm in der Kiever Akademie eingeimpfte westliche Denkkultur – in der Kombination mit der orthodoxen geistlichen Erfahrenheit und dem hervorragenden philosophischen Verstand –, die Theophan dem Klausner erlaubte, die orthodoxe Soteriologie und Ekklesiologie durchzudenken und systematisch darzulegen. Er ist wohl der einzige orthodoxe Systematiker, der durch die Russische Kirche heilig gesprochen wurde.

Der heilige Theophan beschreibt also die lebendige, greifbare und im Menschen wirksame Gottesgemeinschaft als die Norm und das Ziel des christlichen Lebens.

In der „lebendigen, inneren, unmittelbaren Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen und des Menschen mit Gott besteht auch das letzte Ziel des Menshen“[14].

Und jetzt einige Zitate aus Johann Arndt:

«Des Menschen Vollkommenheit stehet in der Vereinigung mit Gott»[15].

«Dies ist allein der Seelen Gut, nämlich die Verinigung Gottes und seine Gnadenwirkung»[16].

Es ist offensichtlich, dass Arndt, wenn auch etwas anders, genau dasselbe meint wie Theophan. Indem er die Erfahrung der westlichen Mystik (Tauler, Thomas Kempen, die Deutsche Theologie) zusammenfasst und darunter eine Bilanz zieht, beharrt Arndt – wobei er die Papismus-, Weigelianismus-, Synergismus-, Enthusiasterei-Vorwürfe riskiert – darauf, dass nur die Einwohnung, nur die Vereinigung Gottes und des Menschen die Mitte des christlichen Geisteslebens bildet und das Wesen des wahren Christentums ausmacht[17].

III

Hier stellt sich jedoch – sowohl für die ostkirchliche als auch für die lutherische Orthodoxie – die theologische Frage nach den Kriterien der Kirchlichkeit im Zusammenhang mit der Mystik: In welchem Verhältnis stehen zueinander das „wahre Christentum“ und die Kirche?

Im Begriff „Kirche“ ist immer beides enthalten: Einerseits ist sie der mystische Leib Christi, der sich kaum definieren und in die Schranken weisen lässt; andererseits ist die Kirche eine wohl sichtbare Institution, die von Gott für – wenn man Arndt etwas umparaphrasieren würde – für die reine Verkündigung des Wortes Gottes und rechte Verwaltung der Sakramente nach der Einsetzung Christi[18] errichtet wurde. Wo verläuft hier die „Schnittstelle“ zwischen dem Leib Christi und der äußeren Institutionalität? (unter der „äußeren Institutionalität“ verstehe ich hier nicht die Strukturen der Kirchenverwaltung, z.B. das Moskauer Patriarchat, die Römische Kurie oder die Synode der EKD, sondern die sich historisch etablierten Formen der Verkündigung des Wortes Gottes und der Verwaltung der Sakramente, die Formen der Gottesdienste, der kanonischen Kirchendisziplin usw.).

Solch ein „Scharnier“, wenn man es aus der Perspektive der mystischen geistlichen Erfahrung betrachtet, ist gerade die Gottesgemeinschaft, und nur sie. Die Gottesgemeinschaft ist ein Akt und zugleich Prozess der Vereinigung des Menschen mit Gott in Jesu Christo durch den Heiligen Geist. In diesem „Punkt der Gottesgemeinschaft“ wird der Mensch – allein durch die Tatsache einer solchen Vereinigung – zum Glied des Leibes Christi. Diese auf seine Weise einzige innere mystische Wirkung macht das Wesen der Kirche aus.

Dieser Akt-Prozess der Gottesgemeinschaft wurzelt aber nicht im Menschen. Die Gottesgemeinschaft kehrt in ihn – laut der Schrift – als ein übernatürliches Phänomen (Joh 3,3), wächst und behauptet sich in ihm im Laufe seines ganzen Lebens (Mt 13,31-32; 13,33; Phil 3, 12-14), unter bestimmten Bedingungen (Mt 19, 17). Diese Gottesgemeinschaft ergreift den Menschen in seiner Gesamtheit (1Thess 5, 23). Deshalb bedarf die Gottesgemeinschaft einer gewissen „Be-Dingung“, eines gewissen „Anfangs“, gewisser „Um-Stände“, „Pflege“, „Schutz“. Eben das macht das Wesen der kirchlichen Institutionalität aus, nämlich: an der Gottesgemeinschaft teilhaben lassen und die Bedingungen für das Leben des Menschen in Christo schaffen. Darin besteht die Aufgabe der irdischen Kirche. Damit dem Menschen die Gabe der Gottesgemeinschaft verkündigt werden kann, wurde die Kirche mit dem Wort Gottes betraut. Damit in den Menschen der Samen der Gottesgemeinschaft gelegt, geschützt und gepflegt werden kann, sind der Kirche die Sakramente gegeben. Damit der Mensch weiß, wie er über die erhaltene Gnadengabe auf die richtige Weise verfügt, damit der Mensch weiß, was es bedeutet, richtig zu handeln, das heißt richtig den Weg der Nachfolge Christi zu gehen, ist in der Kirche die Erfahrung der Gottesgemeinschaft aller Christen enthalten, die Erfahrung des Glaubens, der durch die Liebe tätig ist (Galater 5,6), also all das, was für die Orthodoxen die Heilige Überlieferung bildet.

Die Gottesgemeinschaft macht den Christen also zum Leib Christi gehörig, d.h. zur Kirche in dem ersten und tiefsten Sinne dieses Wortes. Vor diesem Hintergrund entstehen gewisse kirchliche Schranken, die es erlauben, zu überprüfen, ob die Gottesgemeinschaft echt (oder nicht echt) ist, ob sie eventuell eine Verwirrung, eine Dämonengemeinschaft oder eine Einbildung ist. Denn die mystische Erfahrung kann sehr unterschiedlich sein und unterschiedliche Quellen haben. Das Kriterium ist hier die Übereinstimmung des äußeren und inneren Lebens des Christen mit der Heiligen Schrift und der aus ihr hervorgehenden dogmatischen und sittlichen Lehre der Kirche. Eine Erfahrung, die diesen Kriterien widerspricht, kann von der Kirche Christi nicht als die wahre Gottesgemeinschaft akzeptiert werden.

Gerade an diesem Punkt ist – das habe ich schon erwähnt – die theoretische Theologie dran: die Gottesgemeinschaft zum Eckstein zu machen, ihre Wahrheit zu begründen, ihre Kriterien zu formulieren, von falscher Auslegung zu schützen. Da für Arndt gerade die Gottesgemeinschaft, die Vereinigung Gottes und des Menschen das zentrale Moment seines Lebens und seiner Lehre ausmachte, hielt er an seiner Orthodoxie so konsequent fest. Indem er das fünfte und sechste Buch „Vom wahren Christentum“, erstens, der theologischen Verteidigung gegen die Ketzerei-Vorwürfe und zweitens – was wesentlich wichtiger ist –, der theologischen Begründung seiner Lehre von der Vereinigung und Einwohnung widmete, schwindelte Arndt nicht, stellte sich als rechtgläubiger Lutheraner nicht bloß dar. Denn für ihn war es wichtig, ein streng kirchlicher Mensch zu sein und zu bleiben, denn – wie aus meinen obigen Darlegungen folgen dürfte – die wahre Kirchlichkeit ist die Gottesgemeinschaft, und umgekehrt genauso. Das eine kann ohne das andere – jedenfalls aus der Perspektive sowohl Arndts als auch der orthodoxen Tradition – nicht existieren.

Der Umstand, dass Arndt die theologischen und kirchlichen „Schranken“ der Gottesgemeinschaft hervorhebt, stimmt ganz und gar mit der orthodoxen Weltanschauung überein. In dieser Hinsicht tendiert die Orthodoxie im ekklesiologischen Nachdenken über ihr Dasein dazu, der äußeren Institutionalität eine übermäßige Bedeutung beizumessen. Die Heiligen unserer Kirche fanden jedoch zweifellos eine Balance zwischen dem Äußeren und Inneren, zwischen dem Ziel und den Mitteln der Kirchlichkeit. Der heilige Theophan der Klausner schreibt: „Der äußere Bau der Kirche und all ihre Ordnungen – seien es gottesdienstliche, heiligende oder disziplinäre Ordnungen – sind nicht das Wichtigste; sie dienen nur zum Ausdruck, zur Erziehung und zum Schutz des inneren, sittlich-religiösen Baus der Christen“[19].

IV

Hier wäre interessant, zu betonen, dass die Einheit der mystischen Erfahrung auch zu Übereinstimmungen in der Theologie führt, und dies in deren – für Arndt zentralem – Punkt: in der Rechtfertigungslehre. Bekanntlich wurde Johann Arndt gerade das vorgeworfen, dass er die Rechtfertigungslehre einer Revision unterwarf, indem er vom Menschen eine geistliche Aktivität verlangte. Arndt widerlegte diese Beschuldigungen. Er unterstrich, dass seine Lehre keinesfalls diesen zentralen Moment der lutherischen Glaubenslehre tangiere. Es gehe um etwas anderes, nämlich darum, wie der durch den Glauben schon gerechtfertigte Mensch leben soll. «Ich habe nicht geschrieben den Ungläubigen, sondern den Gläubigen; nicht denen, die noch erst sollen gerechtfertiget werden, sondern denen, die da schon gerechtiget sind»[20], – schreibt Arndt am Ende seines «Vom wahren Christentums». Nachdem er seine Rechtgläubigkeit für die Etappe „Christus für uns“ verteidigt hat, geht er weiter und spricht von dem nächsten Schritt des geistlichen Lebens: Christus in uns[21]. Genau über dasselbe schreibt auch der heilige Theophan: „Die erste Grundlage des christlichen Lebens ist der Glaube an die menschgewordene Heilsökonomie in unserem Herrn Jesus Christus… Niemand kann etwas für sein Heil tun, wenn er nicht im Herrn verbleibt“[22]. „Unsere Seelen rettet der Herr, nicht wir. Wir bezeugen ihm nur unseren Glauben, unsere Treue, und er gewährt uns – nach Maß unserer Annäherung an ihn – alles Nötige für das Heil. Denken Sie nicht daran, etwas durch eigene Bemühungen zu verdienen; Sie verdienen es durch den Glauben, durch die Reue und dadurch, dass Sie sich Gott überantworten“[23]. Wie Arndt geht auch Theophan von «Christus für uns» zu «Christus in uns», also vom Empfangen der Gnade zum Leben in der Gnade. „Der Herr gewährt die Gnade umsonst; er verlangt aber, dass der Mensch nach ihr suche, sie begierig aufnehme, indem er sich vollständig Gott widme“[24]. Diese Übereinstimmung zwischen dem Lutheraner Arndt und dem Orthodoxen Theophan ist charakteristisch: Theophan lehrt hier eindeutig die Rechtfertigung „allein durch den Glauben“.

V

Das Geschilderte dürfte, wie ich meine, reichen, um sich eine Schlussfolgerung von einer wesentlichen Übereinstimmung der Positionen Johann Arndts und der Orthodoxie zu erlauben, jedenfalls in Person ihres, solch eines hervorragenden, Vertreters wie Theophan des Klausners. Aber es stellt sich die Frage. Wenn Arndt der Orthodoxie so nahe sein soll, wenn er in seinen Schriften nur die Wahrheiten reproduziert, die auch ohne ihn einem jeden Orthodoxen bekannt sind, wozu soll denn der Lutheraner Arndt für die Orthodoxen gut sein, die eine riesige Zahl eigener geistlicher Schriftsteller haben? Irgendwas soll ja für die Orthodoxen in der zweihundertjährigen Epoche der russischen Kirchenblüte an Arndt anziehend gewesen sein? Woran mangelte es nun in der Erbauungsliteratur der Orthodoxie? Welche „Nische“ füllte Johann Arndt?

Mir schwebt Folgendes vor. Die kirchliche (insbesondere westliche) Mystik erblickt im Evangelium zwei „Kreise“, zwei Etappen des geistlichen Lebens. Die erste besteht im Eintritt in die Kirche entsprechend den Worten Christi „tut Buße und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15). Dieser erste Schritt ist in der Orthodoxie sehr entwickelt. Die orthodoxe Didaktik zeichnet sich durch eine erhöhte Nüchternheit aus, durch eine besondere Vorsicht im geistlichen Leben, durch ein Misstrauen zu sich selbst als einem gefallenen Wesen. Das hat aber auch seine Kehrseite. Persönliche Gottessuche gerät unter Verdacht, die lebendige Gottesgemeinschaft wird nicht bezeugt und fast nicht gepredigt. Als Folge beobachten wir eine gewisse Unterentwicklung der kirchlichen Pädagogik, die an einer unaufhörlichen Reproduzierung der Situation des bußfertigen Eintritts in die Kirche stehen bleibt. Dem Christen wird kein weiterer Weg mit Christus angeboten, sondern eine Wiederholung und nochmals Wiederholung des Weges zu Christus. Dieses Fehlen der praktischen Erfahrung der Nachfolge Christi führt sogar zum theologischen Misstrauen zur Wirkung des Heiligen Geistes und zum Nichtverstehen der Schule Gottes, der lebendigen göttlichen Pädagogik. Gott im eigenen Inneren zu suchen und darin noch das Ziel des kirchlichen Lebens zu sehen, gilt zumeist als anstößig: viele Christen könnten ja womöglich in Verwirrung geraten, sie könnten ja daran Anstoß nehmen, und es könnte ja sein, dass sie gar nicht begreifen werden, worum es hier geht.

Aber gerade diesem Thema ist die zweite Stufe des geistlichen Lebens gewidmet. Die zweite Sphäre, die uns die Heilige Schrift öffnet, ist die Sphäre der Ehe, des lebendigen und engen Verhältnisses zwischen dem Himmlischen Bräutigam Christus und seiner Braut, der menschlichen Seele, oder der Kirche. Das Bild Christi als des Himmlischen Bräutigams (Mt 25), das Gleichnis vom Hochzeitsmahl, die Gedanken des Paulus von der Kirche als der Ehe Christi mit der Seele, die letzten Seiten der Johannes-Offenbarung, schließlich die kirchliche Rezeption des Hoheliedes – all das zeugt davon, dass das Ehe-Thema, der Vergleich des Lebens in Christo mit der Ehe, nicht weniger wichtig ist als das Motiv „tut Buße und glaubt an das Evangelium“. Von Anfang an unterstreicht Arndt diese „eheliche“ Seite des geistlchen und kirchlichen Lebens. Dazu ein Fragment über die Taufe:

«In der heiligen Taufe geschieht die geistliche Zusage und Verlöbnis. Denn gleicher Maßen, wie im Ehestande Zwei sind Ein Fleisch, also ist auch Christus und die Kirche Eins… Darum nimmt sie (die Seele. – ig. P.) der Bräutigam, und vermählet sie Ihm mit einem ewigen Verbindnis, und verknüpfet sie mit einem viel festeren Bande, als kein Ehemann seinem Weibe tun kann. Diese Zusage in Verlöbnis, da der Bräutigam seine Braut Ihm vertrauet, ist stärker als keine Versprechung»[25]. Viele Seiten widmet Arndt einer außerordentlich ausdrucksvollen Beschreibung der geistlichen Ehe der Seele mit Christus[26].

Und das ist bei weitem nicht bloß biblische Poesie oder eine Hyperbel. Denn nur darin kann der Mensch wirklich, geistlich wachsen, wovon nicht weniger als von der Buße die Schrift spricht: in einer Art Ehe. Und der Weg der Nachfolge Christi, der eine tätige Buße zu seinem bedeutsamen Element hat, hat als sein Ziel doch die Verwirklichung der Ehe zwischen der Seele und Christus. Gott machte ausgerechnet das eheliche Leben des Menschen zur Schule und zur Lehranstalt des Lebens: sowohl im alltäglichen als auch im sittlichen Sinne. Die Verliebtheit, ihre Entwicklung, Schließung des Ehebundes, Schwierigkeiten und Konflikte, Geburt der Kinder, Sorgen um ihre Erziehung, Einrichtung aller Seiten des Lebens, die Mühen in der gegenseitigen Demut und Geduld, das Werden der wahren Liebe – das ist der Weg der Ehe. Genauso ist auch der Weg des Erwachsenwerdens der Seele in Christo. Die flammende Wendung zum Herrn, die neophytische „Verliebtheit“ in Christus, die Schließung der geistlichen Ehe im Sakrament der Taufe, deren Erneuerung in der Buße, ständige Teilnahme am ehelichen Mahl – der Eucharistie; die Geburt und Erziehung der Kinder – der ersten geistlichen Früchte; die Veränderung der Verhältnisse zu den „Eltern“ – zu dieser Welt (der Mensch soll seinen Vater und seine Mutter verlassen… Matthäus 19,5); „Familienkrisen“ im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen, die Lösung dieser Krisen, schließlich das Erlangen der reifen, durchsichtigen, „herbstlichen“ Früchte dieser ehelich-geistlichen Erfahrung zum Alter – das ist der Weg des geistlichen Wachstums des Menschen in Christus. Die heutige orthodoxe pastorale Pädagogik verliert darüber kaum ein Wort. Bis heute klafft in unserem Kirchenleben diese Lakune.

VI

Das oben Gesagte führt uns zur Beantwortung der letzten Frage: Was macht Johann Arndt wichtig für uns heute? Wir sprachen darüber, wie verständlich und vertraut er für die russische Kirchlichkeit des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts zu sein schien. Wir verfolgten einige Parallelen zwischen seiner Lehre und dem System des orthodoxen Geisteslebens in der Darlegung des heiligen Theophan des Klausners. Aber nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart kann sein Einfluss sehr nützlich und fruchtbar werden, wenn man der von Arndt – im Rahmen der strengen Orthodoxie – vertretenen Theologie der Nachfolge Christi sowie der von ihm hervorgehobenen biblischen Sphäre der geistlichen Ehe des Menschen und Gottes Beachtung schenkt. Das ist umso leichter, da es für die Orthodoxen keine „modernistische Neuerung“ darstellen wird: Sie würden nur zu der Tradition zurückkehren, die in unserer Kirche im 18.-19. Jahrhundert Platz hatte: zu der Tradition der Lektüre des Buches Arndts „Vom wahren Christentum“.

Mit pastoralen Zwecken übersetzte Arndt uralte Bücher in die Sprache seiner Zeit, ohne die Vorwürfe zu fürchten, er wäre zum „anderen Glauben“ geneigt: die Deutsche Theologie, Thomas Kempen, die Schriften des Johann von Staupitz. So kann sich herausstellen, dass die alten Bücher von Johann Arndt auch für die orthodoxe Kirche aktuell sind. Ob sie aber auch für den Protestantismus aktuell sind, können natürlich nur die Protestanten selbst beurteilen.

Ich möchte meinen Vortrag mit einem Zitat aus dem Vorwort August Tolucks zu den im Jahre 1861 von ihm herausgegebenen Passionspredigten Arndts beenden:

«Und wie auch die Bedürfnisse der Zeiten wechseln mögen, wo ein Prediger so reich, lauter und erfahrungsmäßig aus der Heiligen Schrift predigt wie Arndt, wo sich einer so wie Arndt schon durch Jahrhunderte an so viel Millionen Herzen als ein Zeuge Gottes erwiesen hat, da können auch in der Gegenwart seine Zeugnisse nicht unfruchtbar bleiben»[27].

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

______________________

[1] Zit. nach: Johann Arndt. Vom gottseligen Leben. Wuppertal 1984.

[2] Vgl. Heinrich Michael Knechten «Evangelische Spiritualität bei Tichon von Zadonsk». Waltrop 2006.

[3] Творения иже во святых отца нашего Тихона Задонского. Изд. 5-е, M., 1889, стр. 330.

[4] «Св. Тихона читаете? Добре! Никакая книга не может сравниться с его книгами» („Lesen Sie den Heiligen Tichon? Gut so! Alle andere Bücher stehen seinen Büchern nach“). Собрание писем святителя Феофана. Выпуск первый, М., 1898, стр. 20.

[5] Stefan G. Reichelt, Johann Arndts „Vier Bücher von wahrem Christentum“ in Russland: Vorboten eines neuzeitlichen interkulturellen Dialogs. Leipzig 2011.

[6] Прот. Г. Флоровский. «Пути русского богословия». Вильнюс 1991, стр. 187-188

[7] S. darüber ebenda: стр. 114-119.

[8] Ebd., стр. 193.

[9] Ebd., стр. 191.

[10] Об истинном христианстве. Сочинение Иоанна Арндта в четырех частях. Стр. 10. СПб, изд. Сойкина, б/г (после 1905).

[11] Hans Otte, Hans Schneider (Hg.), Frömmigkeit oder Theologie. Johann Arndt und die „Vier Bücher vom wahren Christentum“ (Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens; 40), V&R Unipress 2007.

[12] Johann Arnd’s sechs Bücher vom wahren Christentum. Basel, o. J. (die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts). 1. Buch, S. 2.

[13] Ibidem, 6. Buch, S. 797. Noch darüber: „…Muß nun unsere gläubige Seele sein und bleiben eine Wohnung Gottes, eine Werkstatt des Heiligen Geistes, ein Besitz des Reichs Gottes, ein Haus des wahren Gottendienstes, ein heilig Bethaus im Geist und in der Wahrheit. Alle, die dieses verleugnen, haben eine Theologie, so das Herz und die Seele nicht angehet… O ihr elenden Leute, die ihr nirgend von zu sagen wissen, als von Secten; dies soll man wissen, aber jenes auch verstehen lernen, sonst ist eure Kunst des theologischen Namens nicht wert. Die Würdigkeit und Hoheit des Verdienstes Christi soll man treiben, die Herrlichkeit des Glaubens, die Heiligkeit des Lebens Christi und sein holdseliges Exempel, und wie Christus eine Gestalt in uns soll gewinnen. Um solche recht theologische Sachen sollt ihr euch bekümmern“. Ibidem, 6. Buch, S. 776.

[14] Darauffolgend sagt der Heilige Theophan etwas ganz Wichtiges: „Es wäre falsch, wenn jemand denken würde, dass wenn die Gottesgemeinschaft als das letzte Ziel des Menschen gesetzt wird, der Mensch ihrer erst danach, z.B. am Ende seiner Mühen gewürdigt werde. Nein, sie [die Gottesgemeinschaft] soll ein immerwährender, ununterbrochener Zustand des Menschen sein, so dass wenn man keine Gemeinschaft mit Gott hat, wenn man sie nicht spürt, soll der Mensch zugeben, dass er außerhalb seines Ziels und seiner Berufung steht. Der Zustand, in dem der Mensch sich bewusst macht, dass der wahre Gott sein Gott ist, und dass er selbst Gottes ist, d.h. dass er in seinem Herzen zu Gott sagt: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28) wie der Apostel Thomas, das heißt, er sagt zu sich selbst „Ich bin Gottes, ich bin Gottes“ (Jes 44,5), — dieser Zustand ist der einzig richtige Zustand des Menschen, ist das einzig klare Anzeichen einer Anwesenheit des Samens des wahrlich sittlichen und geistlichen Lebens in ihm“ (die Hervorhebung von mir – I.P.). Епископ Феофан. Начертание христианского нравоучения, М. 1895, стр. 34, 36.

[15] Johann Arnd’s sechs Bücher vom wahren Christentum. Basel, o. J. (die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts). 2. Buch, S. 216.

[16] Ibidem, 3. Buch, S. 494.

[17] См.: Johann Arnd’s sechs Bücher vom wahren Christentum. Basel, o. J. (die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts). 6. Buch, второй раздел, 2. Kapitel («Die Vereinigung mit Cristo ist die höchste Würdigkeit der Christen»), Seite 770-773. См. также весь 2-й раздел («Von der hochwunderlichen gnadenreichen Vereinigung der Christgläubigen mit dem allmächtigsten, unsterblichen und unüberwindlichen Kirchenhaupt, Christo Jesu») 5-й книги «Vom wahren Christentum» (Seite 700-729).

[18] „…unwidersprechlich zwei äußerliche sichtbare Kennzeichen der heiligen Christlichen Kirchen entspringen, nämlich: das reine Wort Gottes und der rechte Gebrauch der beiden Sacramenten nach Christi Einsetzung“ (Auslegund des ganzen Psalters Davids, Lüneberg, 1699, S. 3).

[19] Епископ Феофан. Письма к разным лицам о разных предметах веры и жизни. М., 1892 , стр. 221. Und weiter: Die „Kirche ist der Mutterschoß, der einen jeden Christen zeugt, bildet, ernährt und vervollkommnet… So wie es kein Leben und keine Lebewesen außerhalb der Natur gibt, so gibt es kein geistliches Leben und keine geistlich Lebenden außerhalb der Kirche. Deshalb in der Kirche sein, in einer lebendigen Verbindung und Union mit ihr sein, ist eine unentbehrliche Bedingung für alle, die im Geiste leben und im christlichen Leben erwachsen wollen“. Епископ Феофан. Начертание христианского нравоучения, М. 1895, стр. 32.

[20] Johann Arnd’s sechs Bücher vom wahren Christentum. Stuttgart, 1930. 4. Buch, S. 629.

[21] «Von der Anfangsgründen des christliches Lebens, die in dem „Сhristus für uns“ bestehen, führte Arndt weiter zu dem „Christus in uns“, zu dem Wandel im Geiste». Johann Arndt. Vom gottseligen Leben. Wuppertal, 1984. Einleitung von Dr. Gertrud Wasserzug, S. 23.

[22] Епископ Феофан. Начертание христианского нравоучения, М. 1895, стр. 27.

[23] Собрание писем святителя Феофана. Выпуск первый, М., 1898, стр. 74.

[24] Епископ Феофан. Путь ко спасению. М., 1899 , стр. 21.

[25] Johann Arnd’s sechs Bücher vom wahren Christentum. Basel, o. J. (die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts). 5. Buch, S. 722-723.

[26] Als Beispiel reicht das siebte Kapitel des fünften Buches des Werkes „Vom wahren Christentum“: «Durch die geistliche Ehe und Vermählung geschieht die Vereinigung des Herrn Christi mit der gläubigen Seele». Ibidem, S. 712 ff.

[27] Johann Arnd´s Passion-Predigten. Berlin, 1860, S. IV.

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